„Die Liebe ist wie das Fieber. Sie entsteht und vergeht, ohne dass der Wille die geringste Wahl darüber hat.“ Stendhal

Die Bewohner der „Republik der Sieben Vereinigten Niederlande“, jene Bauern und Kaufleute, Schiffsbauer und Seeleute, Künstlern und Naturwissenschaftler, die hier ohne Ansehen der Religion frei zusammen lebten, waren stolz auf ihre junge Republik (seit 1581). Stolz darauf dem Meer ihr gar zu flaches Land abgetrotzt zu haben, die nicht still saßen und es kenntnisreich gegen die Naturgewalten gesichert hatten, stolz darauf sich mit ihren Feinden, den Spaniern zu ihrem Vorteil geeinigt zu haben, wagemutig erst die Ostsee und wenig später die restlichen Weltmeere befuhren, auf der Suche nach Rohstoffen und Waren, mit deren Handel sie ihr Land zu Wohlstand führten. Im 17. Jahrhundert erreichte die Region ihre wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit „de Gouden Eeuw“.

In der Mitte des sogenannten goldenen Zeitalter lebten hier angezogen durch den Wohlstand einer bürgerlichen Oberschicht etwa 700 Maler, die jährlich die in der Kunstgeschichte beispiellose Menge etwa 70.000 Gemälde fertig stellten. Einen von ihnen war Jacob (holländisch Jan) van Loos (1614-1670), ein heute noch bekannter Maler, der von 1635 bis 1660 in Amsterdam tätig war. Er steht einer Reihe mit den Amsterdamer Malerkollegen wie Rembrandt und Hals und steht in diesem historischem Roman als Rollenmodel für den männlichen Helden.

Zu jener Zeit nun, im Jahre 1636, lässt die Autorin Deborah Moggach ihren Roman Tulpenfieber spielen Eine Geschichte vom Fieber, das alles und jeden verbrennt, vom Verlangen wider die Vernunft. Eine Geschichte über die menschliche Sündhaftigkeit: über die Eitelkeit (Superbia), die Wollust (Luxuria) und die Gier (Avaritia). Die alle drei nach der Lehre der katholischen Kirche zu den schweren Sünden zählen und damit die gefürchteten Höllenstrafen nach sich ziehen, wenn man ohne vollkommene Reue und Buße stirbt. Die bei Moggach einzelne Menschen und sogar ein ganzes Land ins Verderben reißen.

Der ältere, vermögende Kaufmann Cornelis Sandvoort, ganz stolzer Ehemann, der sehr vernarrt in seine junge, nun schon zweite Ehefrau ist, die erste wie auch seine zwei Söhne sind vor Jahren verstorben, möchte sein neues Glück auf Leinwand festhalten lassen. Er, der sich gerne mit schönen Dingen umgibt, sein großes Haus in der vornehmsten Straße der Stadt anfüllt mit teurem Tuch in den Schränken, eindrucksvollen Bildern an den Wänden, kunstvollen Hausstand in jedem Raum, beauftragt dafür den stadtbekannten jungen Maler Jan van Loos. Dieser soll ihn und seine schöne, erst 24 jährige Frau Sophia, die er vor drei Jahren aus dem Elend eines  verarmten, bürgerlichen Lebens gerettet hat, in dem sie mit Mutter und zwei Schwestern durch einfache Näharbeiten kaum ihr Auskommen hatte, in angemessener Pose portraitieren.

Drei Sitzungen sind vereinbart und schon in der ersten erkennt Sophia, die weise junge Ehefrau, das ihr und ihrer streng katholischen Seele Gefahr droht von diesem schönen, schwarz gelockten Mann, der sie so ungebührlich mit seinem Blick misst. Verzweifelt versucht sie noch ihrem Schicksal zu entkommen und ihren calvinistischen Ehemann zu überzeugen, doch von der Sünde des Hochmuts zu lassen oder wenigstens einen anderen Maler zu engagieren, aber die Verlockungen des Asmodeus sind stärker. Und so fehlt sie.

Trotz besseren Wissens wird sie seine hingebungsvolle Geliebte und vielleicht gerade weil sie darum weiß, dass sie nach dieser Todsünde, dem reuelosen Ehebruch, ein 2. Tod, der Tod des Höllenfeuers erwartet. Es bleibt nicht bei dieser einer Sünde, denn ihre verlorene Seele sucht begierig nach einen Plan, wie sich die gemeinsame, wohlige Zeit der Unzucht verlängern lässt.

Im Gegensatz dazu Maria, die gleich alte, abergläubische, aber dank ihrer bäuerischen Herkunft viel bodenständigere Magd im Hause Sandvoort. Sie, die heimlich die pelzbesetzte Kleidung ihrer Herrin trägt, die davon träumt, dass jene herrschaftliche Haus, dessen Öfen sie putzt, durch die Macht des Schicksals einst ihr gehören wird, wenn  ihre Herrschaft vom Wasser davon getragen wird, empfängt nachts Willlem. Auch gegen die Gebote ihrer Religion, aber in dem Wissen, dass solche im Leben nicht immer einzuhalten sind, lässt sie ihren eher unbedarften Geliebten in ihre Bettstatt, in der warmen Küche des kalten Hauses, in der Herengracht in Amsterdam.

Als Willem, der Fischhändler, unerwartet von Fortuna erwählt wird, verstricken sich diese Leben zu einer ungewollten Schicksalsgemeinschaft.

Der Fischhändler ist durch hoch riskante Spekulationen mit den zu dieser Zeit sehr begehrten Tulpenzwiebeln zu genug Geld gekommen, um seine Geliebte nach den Geboten der Kirche zu einer anständigen Frau zu machen. Gerade als er ihr davon berichten will, dass sie nun ein gemeinsames Leben haben können, sein Traum von einem Häuschen mit Ladengeschäft kein bloßer Traum mehr sein muss, erfährt er wie flatterhaft diese Göttin ist. Zur falschen Zeit am richtigen Ort muss er glauben, dass seine geliebte Maria ihn betrügt. Aus lauter Verzweiflung heuert er, ohne jede Nachricht für Maria, am darauf folgenden Morgen auf einem Segler gen Ostindien an.

Maria ist schwanger. In ihrer Not, wie ihre Herrin ist sie ohne Familie nun ganz allein in der Stadt, vertraut sie sich Sophia an. Dass sie um deren Ehebruch weiß, benutzt sie als Druckmittel, um sich und ihr Kind zu retten. Und so schließen die beiden Frauen, Magd und Herrin, einen Rettungspakt auf Gegenseitigkeit. Maria darf als gefallenes Mädchen mit ihrem Bastard unter dem Herzen im Haus bleiben. Ihre Schwangerschaft wird versteckt hinter hochgebundenen Schürzen und einer Herrin, die auf Knien für die Magd die Böden schrubbt. Und Sophia wird ihrem Ehemann mit Kissen unter ihren Röcken, die sehnlichst erwartete Empfängnis eines Erben vorspielen, einen Arzt aus dem Hut zaubern, der den ehelichen Beischlaf tunlichst untersagt, so dass ihr Körper ganz Jan gehören kann.

Neun Monate sind so gewonnen bis zum Zeitpunkt der Geburt, doch was wird danach? Auch dafür ersinnen die fiebrig Liebenden einen Plan. Sie wollen gemeinsam, heimlich Amsterdam verlassen über das Meer nach Batavia entkommen. Doch dafür brauchen sie Geld, viel Geld, viel mehr Geld als sie beide besitzen und so verfällt Jan einem anderem Fieber, dem Tulpenfieber.

In den 1630ern konnte man mit dieser 100 Jahre zuvor über Wien aus dem Osmanischen Reich eingeführten Blume ein Vermögen machen oder aber auch verlieren. Das einstige Liebhaberobjekt, das in den Hausgärten des Bürgertums, der Gelehrten und Aristokraten zuvor ob seiner Schönheit und Exotik kultiviert worden war, dessen Blütenpracht man in fremden Gärten bewunderte, und deren Zwiebeln man kenntnisreich untereinander tauschte, entwickelte sich ab Ende des 16. Jahrhunderts zu einem attraktiven Handelsgut, dessen Preise explosionsartig stiegen und damit zu einem Spekulationsobjekt für jedermann wurde, bevor der Markt im Februar 1637 endgültig einbrach. Die Blase war geplatzt, das Fieber gesunken. Viele Menschen Menschen nahmen sich aus Verzweiflung das Leben. Dieses sogenannte Tulpenfieber war die erste gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte, viele andere sollten folgen.

Moggachs historischer Roman liest sich wie ein ein Thriller. Wie im Fieberrausch des sündhaften Liebespaares, wie im Fieber der vielen Zwiebekspekulanten wird man durch die relativ kurzen Kapitel gerissen, die (kunst-)kenntnisreich geschrieben sind. Moggach entwirft detaillierte, farbenprächtige Bilder, die üppigen Szenerie machen den Gemälden der niederländischen Maler jener Zeit alle Ehre. Der interessante Perspektivenwechsel, viele Kapitel sind aus der Ich-Perspektive Sophias in der Gegenwartsform, aber im unabwendbaren Wissen um die Zukunft geschrieben, andere von einem allwissenden Erzähler beschrieben, der auch den Nebencharakteren Raum schenkt, schärfen noch einmal den Blick des Lesers auf das ähnlich einer griechischen Tragödie unaufhaltsame Geschehen.

Wer mich hier schon mal gelesen hat, weiß, ich bin eine schrecklich altmodische Leserin. Ich mag Geschichten. Ich mag üppige, prall gefüllte Geschichten, erzählt in barocker Sinnlichkeit. Ich mag diesen Roman 🙂 Ich habe sogar lange nicht mehr einen erzählerisch und inhaltlich so guten historischen Roman gelesen. Ich gestehe mich hat, wenn auch etwas verspätet, das Tulpenfieber erfasst 🙂

 

 

 

 

Tulpenfieber. Deborah Moggach. Inseltaschenbuch 4470. erschienen 2016. ISBN: 978-3-458-36170-1

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