Ahoj Böhmen!

Seit William Shakespeare etwa 1610 in seiner Romanze „The Winter’s Tale“ das slawische Binnenland Böhmen als  ländlich idyllischen Sehnsuchtsort ans Ufer des (Mittel)-Meeres gesetzt hatte „Bohemia. A desert country near the sea“, scheint dieser Ort, den es zwar gibt, aber nicht so gibt, der also real und gleichzeitig irreal ist, die Phantasie der Menschen beflügelt zu haben.

Doch nicht nur in der Kunst bleibt „Bohemia“ bis heute eine Projektionsfläche, eine Leerstelle, die jeder phantasievoll füllen darf, sondern auch der Bevölkerung Böhmens selbst wird nachgesagt ein besonderes Faible für Erdachtes zu haben und das, wo ihr Wahlspruch doch „Pravda vítězí“ (Die Wahrheit zuerst) ist.

Böhmen inspiriert: Von Shakespeares über Ingeborg Bachmann, ihr melancholisches, letztes Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ von 1964 ist bei einem Pragbesuch entstanden, von Hans Magnus Enzensbergers Essay „Böhmen am Meer“ bis zu Anselm Kiefer, einem zeitgenössischem Maler, der mit archaischen Materialien wie Blei, Erde und Silber Weltlandschaften kreiert, so auch sein großflächiges Gemälde von 1996 mit dem Titel „Böhmen liegt am Meer„. Das hat es sogar über das große Meer, den Atlantischen Ozean ins Metropolitan Museum of Art geschafft.

Auch in dem im Februar 2018 erschienen Erzählband „Böhmen ist der Ozean“ der in Prag geborenen und in der Österreichischen Hauptstadt lebenden Autorin und transmedialen Künstlerin Rhea Krcmárová ist Böhmen eine Projektionsfläche. Die durchweg weiblichen Erzählerinnen erinnern das reale Böhmen des  Jan Hus, der russischen Besetzung, dem flammenden Widerstand gegen die brutale Eindämmung des viel zu kurzen Frühlings, von dem Land der Bespitzelung der Dissidenten, der Samtenen Revolution, dem Neuanfang mit dem Dichterpräsidenten, der die einstigen Opfer der vermeintlichen Einheit opferte, dem wirtschaftlichen Ankommen in Europa und vermischen es mit dem mystischen Böhmen, den Legenden und Märchen vom mächtigen Urvater, von Undinen, Hexen und Wassermänner, von umherirrenden Geistern und vorchristlichen Göttinnen, die für die Böhmen so real sind wie ihre eigenen Erinnerung.

 

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Quelle: Anselm Kiefer Böhmen liegt am Meer, 1996

 

In den neun Erzählungen speisen sich die weiblichen Erzählstimmen aus dem Ozean der Geschichten ihrer böhmischen Herkunft. Wassergeborenen Nixen gleich, die es ans Ufer gespült hat, machen sich auf die Suche nach ihrem Ursprung, der Quelle ihres Seins. Frauen, Mädchen, die sich fern der geographischen und emotionalen Heimat arrangieren mussten, lassen die Leser teilhaben an dem Blick zurück, in eine Vergangenheit, die nicht mehr ist oder vielleicht auch nie wahr.

Inhaltlich verbindet das Element Wasser die Geschichten der unterschiedlichen Heldinnen, ob Acht- oder Achzigjährige, ob Immigrantin, Dissidentin oder Handleserin. Starke Frauen, Vorbilder, die nicht aufgeben und ihren Weg finden. Wasser wie Erinnerungen gibt es in dem Band in vielen Formen, ob als Quellen, Bäche, Seen, Flüsse, oder Ozean. Es wird geschwommen, gebadet, auf ihnen gerudert, gereist oder in ihnen fast ertrunken. Es umschließt die Orte wie Inseln, ist Grenze und auch nicht.

Stilistisch ist es die Musikalität der Autorin, die beeindruckt. Poetisch, melancholisch und zart aber auch kraftvoll, grollend und tobend wie die Musik ihrer Ahnen klingen die Geschichten in den Köpfen der Leser.

Mit diesem märchenhaften Erzählband führt  Rhea Krcmárová die literarische Tradition würdig fort: Böhmen bleibt uns als Land der utopischen Hoffnung auf eine bessere Welt, von der wir auf keinen Fall lassen sollten.

 

 

 

Rhea Krcmárová: Böhmen ist der Ozean. Erzählungen. Kremayr & Scheriau. Wien. 2018.

 

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